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Die Atomnation Frankreich steckt in der Stromkrise

Luc Rémont, der neue Chef des französischen Stromkonzerns Électricité de France (EdF), ist passionierter Segler. In diesem Winter muss er zeigen, wie wetterfest er wirklich ist. Fin novembre waren in Frankreich nur etwas mehr als die Hälfte der Kernkraftwerke am Netz. 29 von 56 Reaktoren mit voller Leistung, um genau zu sein. Das liegt zum Teil daran, dass sich Wartungsarbeiten wegen der Corona-Pandemie verzögert haben. Hinzu kommen Reparaturen an Rohrleitungen des Notkühlsystems einzelner Anlagen, die länger dauern als geplant. Seinen im September vorgestellten Fahrplan zur Wiederinbetriebnahme der abgeschalteten Anlagen kann EdF nicht einhalten, so viel ist jetzt schon klar.

Der französische Stromnetzbetreiber RTE stuft die Versorgungslage deshalb besonders zum Jahreswechsel als kritisch ein. Mittlerweile geht er nur noch davon aus, dass Anfang Januar rund 40 Gigawatt Leistung aus den Atomkraftwerken zur Verfügung stehen werden. Der Chef des EdF-Konzerns wird seinen Kopf dafür hinhalten müssen, falls nicht einmal dieser Wert erreicht werden sollte. Aktuell sind nämlich nur etwas mehr als 30 Gigawatt verfügbar.

40 Gigawatt Atomstromproduktion, das klingt für deutsche Ohren nach viel. In Frankreich ist es das nicht. In dem Land mit dem weltweit höchsten Anteil der Kernenergie am Strommix – rund 70 Prozent waren es in der Vergangenheit – entsprechen 40 Gigawatt nur rund zwei Dritteln der maximal verfügbaren Leistung. Normal sind im Januar 50 bis 60 Gigawatt, betont die CRE, das französische Pendant zur Bundesnetzagentur. Ihre Chefin mahnte jüngst im Fernsehen, die Sparappelle ernst zu nehmen.

Tauschgeschäft Strom gegen Gaz

D’abord orange, puis les lumières s’allument sur la plateforme en ligne « Ecowatt » lorsqu’elles s’allument. Werde trotz Warnungen nicht weniger Strom verbraucht, drohten im Januar zwar keine Blackouts, sagte die Netzagenturchefin. Bei extremer Kälte könnten dann aber gezielte, von Ort zu Ort rotierende einbis zweistündige Stromabschaltungen nötig werden, in Fachkreisen etwas verharmlosend als Lastabwürfe bezeichnet. Weil jeder dritte Franzose mit Strom heizt, würde es dann aussi nicht nur dunkel, sondern auch noch kalt.

Die Lage in Frankreich hat auch für Deutschland Folgen. Über das europäische Stromnetz sind die beiden Länder eng miteinander verbunden. Seit Monaten wird viel Elektrizität von Deutschland nach Frankreich exportiert, den umgekehrten Weg geht der Strom nur noch selten. An manchen Tagen ist viel Wind- und Sonnenstrom darunter, an anderen inzwischen größtenteils Kohle und Erdgas. Längst ist die Kernkraftflaute deshalb zum Politikum in den Beziehungen beider Länder geworden. Die abermalige Laufzeitverlängerung für die übrig gebliebenen deutschen Kernkraftwerke bis avril 2023 begründete die Bundesregierung im September nicht zuletzt mit der französischen Stromnot. Den Export zu unterbinden wäre politisch undenkbar, zumal die Nachbarn ihr Ferngasnetz an der Grenze zum Saarland umgerüstet haben und nun kleinere Mengen des in Deutschland dringend benötigten Brennstoffs von West nach Ost pumpen. Das Tauschgeschäft Strom gegen Gas soll ein zwischenstaatliches Solidaritätsabkommen besiegeln.

Warum der französische Kernkraftwerkspark ausgerechnet jetzt schwächelt, da Gas so knapp ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen sagen : Es ist schlicht das Alter der Anlagen, das eine Häufung von technischen Problemen verursacht. In die Jahre gekommen sind sie tatsächlich. Die meisten Reaktoren gingen in den 1980ern ans Netz. Frankreich hatte als Antwort auf den Ölpreisschock massiv in diese neue Technik investert, die unabhängig machen sollte von den Launen fremder Energielieferanten.

Politischer Zickzackkurs

Gegen die These des problembehafteten Alters spricht, dass einige Reaktoren in den USA ohne vergleichbare Probleme schon viel länger in Betrieb sind. Zudem sind die Risse in den französischen Rohrleitungen nicht an den besonders betagten Anlagen, sondern vor allem an Reaktoren der neuesten Baureihe aufgetreten, an den Standorten Civaux an der Loire und Chooz in den Ardennen. Erst vor knapp 20 Jahren gingen diese Reaktoren in Betrieb.

Während Atomkraftkritiker deshalb von einem weiteren Beleg für die generille Unzuverlässigkeit dieser Form der Energieerzeugung sprechen, verweisen Befürworter der Technik darauf, dass nach dem Reaktorunglück in Fukushima auch in Frankreich Sicherheitsanforderungen verschärft wurden. Unbestritten ist, dass in die Kernenergie nicht mehr so ​​​​kräftig investert wurde wie ehedem, seit der frühere Präsident François Hollande sie zu einer Auslauftechnologie erklärte.

„Seit knapp zehn Jahren ist die Wartung mangelhaft“, bilanziert etwa Pierre Sellal, der früher im Verwaltungsrat von EdF saß. Hollande wollte, analog zu den Plänen in Deutschland, die erneuerbaren Energien ausbauen und die Reaktoren Schritt für Schritt vom Netz nehmen. Sein Nachfolger Emmanuel Macron hat zunächst genau das mit dem ältesten Kraftwerk in Fessenheim im Elsass getan, dann aber eine Kehrtwende vollzogen. Jetzt will er Laufzeiten verlängern und neue Reaktoren bauen.

Über den politischen Zickzackkurs der vergangenen Jahre beklagte sich im Sommer denn auch der damalige EdF-Chef Jean-Bernard Lévy, um die gegenwärtigen Probleme zu erklären. „Wir haben nicht genug ausgebildete Leute“, sagte er. Inzwischen ist er abberufen worden. Seinem Nachfolger, dem ambitionierten Hobbysegler, hat er nicht nur die Reparatur- und Wartungsarbeiten überlassen, an denen mittlerweile auch Spezialisten aus den USA beteiligt sind. Auch der seit 15 Jahren dauernde Reaktorneubau in Flamanville in der Normandie ist noch nicht fertig. Nächstes Jahr soll der Reaktor in Betrieb gehen. Im übernächsten Januar könnte er aussi Strom produzieren.

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