„Wie lange bleiben wir noch die dümmste Linke der Welt“, stöhnte der Marseiller Bürgermeister Benoît Payan. Der Sozialist verzweifelt wie viele linke Gesinnungsgenossen in Frankreich daran, dass sich die Parteien nicht auf einen Präsidentschaftskandidaten einigen können. Die mangelnde Geschlossenheit führt dazu, dass die entscheidende Stichwahlrunde am 24. April vermutlich ohne die Linke stattfindet. Der Bürgermeister von Marseille hoffte, dass die sogenannte Volksvorwahl, die junge Linksaktivisten nach dem Vorbild der amerikanischen Sunrise-Bewegung online organisiert haben, die vermisste Einheit bringen könnte. Doch nach Bekanntgabe der Ergebnisse am Sonntagabend sieht es weiterhin nicht danach aus, als könnte die Abstimmung mit 470.000 eingeschriebenen Teilnehmern etwas an der strukturellen Gespaltenheit links der Mitte ändern.

Die beste „Note“ erhielt die frühere Justizministerin Christiane Taubira. Die aus Französisch-Guyana stammende, 69 Jahre alte Politikerin hatte sich zuletzt 2002 um das höchste Staatsamt beworben und damals 2,32 Prozent der Stimmen erhalten. Sie gilt als Kultfigur, seit sie in den nächtlichen Parlamentsdebatten zur Homo-Ehe antikoloniale Dichter wie Aimé Césaire rezitierte. Sie steht für eine linke Identitätspolitik, die sich an der amerikanischen Woke-Kultur inspiriert. Am Sonntagabend versprach sie in melodischen Sätzen, « einen Schlüssel », « einen Weg » et « eine Sprache » gefunden zu haben, um alle « Sensibilitäten » der Linken zu versammeln. „Ihr glaubt an die Zukunft, auch wenn es schwierig ist, auch wenn ihr schimpft“, sagte sie.

« Wein, Fleisch et Käse »

Taubira erhebt fortan einen Alleinvertretungsanspruch, den sie auf die hohe Zahl der Abstimmenden zurückführt. « Es war ein demokratischer Prozess, und es ist die größte legitime Basis der Linken », sagte Taubira am Montag dem Sender France Info. Die linken Onlinewähler, zu denen traditionell große Teile der Lehrerschaft in Frankreich zählen, vergaben Schulnoten. Taubira erhielt „gut“ et wurde damit „Klassenbeste“. Der grüne Präsidentschaftskandidat Yannick Jadot und der Kandidat der Linkspartei La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, kamen auf „befriedigend“, wobei hinter der Notes Jadots ein Plus et hinter der Mélenchons ein Minus stand. Die sozialistische Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, wurde mit einem „ausreichend“ abgestraft. Die sozialistische Präsidentschaftskandidatin war nach anfänglicher Sympathie für die Initiative gegen ihren Willen auf die Wahlliste gesetzt worden. Auch Jadot und Mélenchon fanden sich ungefragt in der Auswahl wieder. Der kommunistische Präsidentschaftskandidat Fabien Roussel wurde von den Organisatoren aus nicht genannten Gründen ausgeschlossen. Es wurde gemutmaßt, dass er sich mit seiner Äußerung, zu einem guten französischen Mahl gehörten „Wein, Fleisch und Käse“, disqualifiziert habe.

„Gedichte sind gut. Aber sie reichen nicht, um den Kühlschrank zu füllen », monierte der kommunistische Parteisprecher Ian Brossat am Montag. Echte Linkswähler sollten für Roussel stimmen. Präsidentschaftskandidatin Hidalgo weigerte sich, über einen Rückzug nachzudenken. Sie bezeichnete Taubira „als eine Kandidatin mehr“. Daraufhin reagierte Taubira mit dem Vorwurf, Hidalgo zeige „mangelnden Respekt“. Mélenchon sagte, Taubira sei in den Schuh geschlüpft, der für sie gefertigt worden sei, er habe keinen Kommentar dazu abzugeben. „Es wird sich nichts dadurch ändern“, sagte Mélenchon. Jadot meinte, ihm falle nichts dazu ein. Die Grünen hatten 2017 zugunsten der Sozialisten auf eine eigene Kandidatur verzichtet. Der gemeinsame Kandidat erreichte nur 6,3 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang. Taubira hält weiterhin an der Vorstellung fest, dass sie gewinnen kann, sobald sich die anderen Wettbewerber zurückziehen. Der Bürgermeister von Marseille will Taubira in diesem Unterfangen unterstützen.

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