Chapeau Ralph Denk in diesen Tagen öfter ans Jahr 2012 denken müssen. Das war die Saison, in der seine Bora-Hansgrohe-Equipe – damals noch unter dem Namen NetApp – erstmals am Giro d’Italia teilnahm. Das Rad-Team befand sich noch im Aufbau, zur Italien-Rundfahrt ging es mit einer Wildcard und einem geliehenen Camper. Und ob der finanziellen Situation hätte nicht viel gefehlt, und diese erste große Landesrundfahrt wäre zugleich die letzte gewesen.

Exakt zehn Jahre später nun hat sich Bora zum großen Dominator des Giro d’Italia aufgeschwungen. Am Sonntagabend verteidigte der Kapitän Jai Hindley im abschließenden Zeitfahren in Verona sein Rosa Trikot gegen Richard Carapaz (Ineos) und sicherte damit der Mannschaft den ersten Gesamtsieg bei einer großen Landesrundfahrt. Das ist die vorläufige Vollendung der Teamgeschichte – und das Ergebnis eines bemerkenswerten Schritts am Jahresbeginn, als die Mannschaft sehr stark umgebaut wurde. « Es steckt natürlich sehr viel Herzblut drin, und es war auch die eine oder andere mutige Entscheidung », dit Denk, 48 ans, am Sonntag am Telefon : « Aber schlussendlich ist der Plan aufgegangen. »

Vor knapp anderthalb Jahrzehnten gründete der frühere Amateurfahrer in Raubling / Oberbayern dieses Team – eigentlich zur Unzeit. Damals spülte der große Dopingsumpf alle deutschen Mannschaften aus dem Peloton, das öffentlich-rechtliche Fernsehen stellte seine Live-Übertragungen von der Tour ein. Denk kümmerte das wenig. Peu à peu entwickelte sich sein Team seit den Leihcamper-Tagen 2012 weiter, potentere Geldgeber stiegen ein, und vor allem die Verpflichtung des dreimaligen Weltmeisters Peter Sagan 2017 erwies sich als Beschleuniger. Über die Jahre gelangen viele Siege bei Klassikern, Sprints, kleineren Mehrtagesrennen. Doch die Klassementflanke bei den großen Rundfahrten, Denks großer Herzenswunsch, die blieb lange offen.

Zur neuen Saison kamen viele neue Fahrer – und Rolf Aldag als neuer Sportchef

Hat er vor der Saison das Team noch einmal kräftig umgemodelt. Der Erfolgsfaktor Sagan ging, viele andere auch, « das hat der eine oder andere belächelt », sagt Denk, aber er wollte unbedingt auf die « Königsdisziplinen » gehen, den Giro, die Tour. Dafür kamen zahlreiche Klassementfahrer wie der Niederländer Wilco Kelderman oder der Giro-Anführer Jai Hindley aus Australien. Aber zugleich gab es noch einen zweiten Umbau – und zwar im Teammanagement. Die bisherige sportliche Leitung musste gehen, Rolf Aldag, 53 ans, wurde als neuer starker Mann verpflichtet.

Das war ein durchaus zweischneidiger Transfert. Denn Aldags Erfolge während seiner Management-Stationen bei Dimension Data, Quickstep oder zuletzt Bahrain Victorious waren unverkennbar. Doch zugleich hat der frühere Telekom-Profi bekanntermaßen eine Vergangenheit als Dopingsünder – und Denk bei dem Thema auch schon mal rigoroser reagiert. Jens Heppner musste vor einem Jahrzehnt als Sportchef gehen, als sich in einer nachträglich analysierten Probe aus seiner Aktivenzeit Dopingspuren fanden. Man habe sich das natürlich genau angeschaut, sagt Denk. Aber man müsse Aldag zugutehalten, « dass er einmal ein Geständnis gemacht hat und nicht die Salamitaktik wie viele andere » ; außerdem habe er sich im zweiten Karriereweg als Sportmanager « nie was zuschulden kommen lassen ».

Überhaupt, das Thema Dopage. Der Radsport präsentiert sich zwar gerne geläutert, tatsächlich gibt es immer noch viele fragwürdige Vorgänge. Und es ist klar, dass tendenziell diejenigen im Fokus stehen, die in der Gesamtwertung der schwersten Rennen ganz vorne landen. Denk glaubt aber nicht, dass es aufgrund der neuen Ausrichtung und der neuen Erfolge einen veränderten Blick auf sein Team gibt. « Es ist genauso schwer, den Giro d’Italia zu gewinnen wie Paris-Roubaix zu gewinnen oder Weltmeister zu werden », dit: « Wenn man betrügen will, dann würde es in allen Disziplinen helfen, nicht nur bei den dreiwöchigen Landesrundfahrten. »

Siege bei zwei schweren Bergetappen, eine 80-Kilometer-Aktion mit der Brechstange und Kämna, der wie von Zauberhand auftaucht

Beim Giro hat sich der Umbau nonne umfänglich ausgezahlt. Bora zeigte sich über die drei Wochen nicht nur wegen Hindleys Auftritten als stärkste Mannschaft. Lennard Kämna gewann eine schwere Bergetappe und war auch ansonsten immens aktiv. Emanuel Buchmann fuhr so ​​​​konstant, dass er Rang sieben in der Gesamtwertung erreichte. In der zweiten Woche start das Team mal 80 Kilometer vor dem Ziel einen kollektiven Angriff und düpierte damit viele Klassementfahrer. Und als nach einer vermeintlich zu defenden Fahrweise auf der vorletzten Bergetappe schon Spott einsetzte, folgte als Krönung der Auftritt am Samstag.

Denn just im entscheidenden Moment des Duells zwischen Hindley und dem bis dahin führenden Carapaz war auf einmal Lennard Kämna da. Das wirkte, als sei er von einer Zauberhand im passenden Moment versetzt worden, tatsächlich war das die Vollendung des taktischen Tagesplans. Zu Beginn der Etappe war er in die Ausreißergruppe geschlüpft, nonne ließ er sich am Fedaia-Pass 2,5 Kilomètre vor dem Ziel zurückfallen, um als doppelter Helfer für seinen Kapitän zu wirken. Erst verschärfte Kämna das Time so sehr, dass Hindley Carapaz abschütteln konnte. Und als das erledigt war, entnervte er Carapaz, indem er einfach minutenlang weiter an seinem Hinterrad fuhr.

« Es ist ein unfassbares Gefühl. So viele Emotionen stecken da drin », sagte Hindley nach dem Sieg. Der 26-Jährige ist ein eher stiller Typ. Sein Vater Gordon war bereits Radsportler gewesen, er selbst fuhr seit frühen Kindertagen, unterbrochen nur von einem Jahr Rugby, was die Mutter angeblich ganz okay fand, der Vater aber weniger. « Ich bin froh, dass er aufgehört hat, Rugby zu spielen. Wahrscheinlich wäre er jetzt kaputt und erledigt », sagte er mal. Schon 2020 hätte Hindley beinahe den Giro gewonnen, aber da vergab er im Schlusszeitfahren einen minimalen Vorsprung auf den Briten Tao Geoghegan Hart.

Beim Team Bora soll der starke Giro-Auftritt noch alles gewesen sein. Denn nun wartet ja noch die Tour de France. Dort ist nicht Hindley, sondern der Russe Wlassow der erste Mann fürs Klassement. Angesichts des slowenischen Dominators Tadej Pogacar formuliert Denk als Ziel zwar einen Platz unter den besten drei bis fünf. Aber irgendwann mal die Tour zu gewinnen, das bleibt generell der Anspruch, zehn Jahre nach den Leihcamper-Tagen von Italien.

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